Immisitzung feiert erfolgreiche Premiere

Posted By on 8. Januar 2016

Wenn Jecke Terroristen bekehren
Flüchtlingsboote, Islamischer Staat, Pegida: Die Immisitzung, Kölns internationalste Karnevalsshow, nimmt satirisch drängende politische Themen in die Mangel.

Ein Schlauchboot gleitet im Bürgerhaus Stollwerck über das Publikum, getragen von dutzenden Zuschauerhänden, immer weiter nach vorne, und in ihm sitzt ein Dutzend Puppen – Menschen auf der Flucht. Und als das Ensemble der Immisitzung das Rettungsboot auf der Bühne empfängt, werden zwei Puppen lebendig: „Wo sind wir hier?“ ­– „In Sicherheit, in Köln“, antworten die Immis.

Wenn alle mit anpacken, schaffen wir das mit der Flüchtlingskrise – mit dieser hoffnungsvollen Botschaft beginnt am Donnerstagabend in der Kölner Südstadt die Immisitzung. Die wohl internationalste Karnevalssitzung mit Schauspielern und Musikern aus Brasilien, Spanien, der Türkei, Ägypten und anderen Ländern startet in ihre siebte Session. 23 Mal tritt das Ensemble auf die Bühne, 8500 Zuschauer erwarten die „Immis“ bis Karnevalsdienstag.

Immis, das sind „imitierte Kölner“, die nicht von hier kommen, Immigranten, die in Deutschland ein Zuhause gefunden haben. „Jede Jeck is von woanders“, lautet das Motto der Immisitzung. Und das ist aktueller denn je angesichts mehr als einer Millionen Menschen, die 2015 nach Deutschland geflohen sind. In Sketchen, Songs und Standups beleuchten die Immis in ihrer dreistündigen Bühnenshow den Status quo im Einwanderungsland Deutschland.

Das beginnt mit einem bittersüßen Song, in dem ein krimineller Schlepper Menschen zur Flucht per Boot auffordert. Auf die Melodie von „Unter dem Meer“ aus Disneys „Arielle, die Meerjungfrau“ singt er: „Nimm doch das Boot, sei kein Idiot“. Ins Flüchtlingsheim wirst du gebracht, verspricht er, dort wird ein Feuer für Dich entfacht. Nur ein paar Tausend Euro koste der Traum vom Glück. Aber: Wer sinkt, der ertrinkt.

Kölscher Jeck im Islamistencamp

Dann vielleicht doch lieber die Ursachen der Migration bekämpfen, denkt sich im nächsten Sketch Jupp Schmitz. Der Vollblutkarnevalist tritt unter dem Decknamen „Ali Allemallachen“ in ein Terroristencamp des selbsternannten „Islamischen Staats“ ein. Die Islamisten planen einen Überfall auf eine benachbarte Stadt. In kölscher Redseligkeit hält Jupp Schmitz sie davon ab: „72 Jungfrauen? Also bei uns im Karneval jibbet dr Jungfrau schon seit 1872, das macht 144 Jungfrauen, und jedes Johr kommt eine frische dazu.“ Am Ende sind die Kämpfer missioniert – und ziehen als Jecken in den Kölner Karneval.

Erst einmal in Deutschland, heißt es für Migranten: Deutsch lernen. Und wie kompliziert die deutsche Sprache für Ausländer klingt, führen die Immis den Zuschauern in ein paar Unterrichtsstunden vor: Warum etwa heißt es DAS Auto, aber DER Wagen? Vor allem aber nehmen sich die Griechen, Türken, Russen auf der Bühne selbst auf die Schippe – und bringen das Publikum mit dadaistischen Satzspielen zum Lachen.

Dass Ausländer in Deutschland auch mit Vorurteilen zu kämpfen haben – auch das macht die Immisitzung zum Thema. Im Arbeitsamt lässt die Mitarbeiterin die Kundin Güllü erst gar nicht zu Wort kommen: „Ich verstehe. Sagen Sie jetzt nichts! Sie haben sich gerade von Ihrem Mann getrennt und brauchen jetzt Harz IV, richtig?“ Es folgt ein Monolog aus gut gemeinten Ratschlägen – bis sich herausstellt, dass Frau Güllü keineswegs Analphabetin, unterdrückt und arm ist – sondern Rechtsanwältin und der Jobcenter-Dame die Scheidungspapiere ihrer Mannes überbringt.

Böse eine Nummer, in der die Immis das Gedankengut von Pegida und Co. verklausuliert aufs Korn nehmen. Da tritt Imgard Gräbner von der Dresdner Jägerinnung Begida (Bundesverband engagierter Großwildjäger impulsiver deutscher Arten) mit ihrem Hund Blondie auf und fordert, die „Reinheit des einheimischen Wildbestandes zu bewahren“. „Wir haben nichts gegen Wölfe, aber unser Wald ist zu klein für eine weitere fressintensive Population.“

Der Deutsche Sportbund sondiert unterdessen die Flüchtlinge auf neue Spitzenleistungen. Im Stabhochsprung, meldet ein Sprecher, „wurde der Zaun an der ungarischen Grenze auf 6,10 Meter erhöht. Der bisher einzige erfolgreiche Springer ist Abdul Sahimi.“

Mit Putin in der Taiga

Einem Clash of Civilizations wohnen die Zuschauer schließlich bei, als der russische Premierminister Medwedew in Deutschland eine Rede halten will – und den „gutaussehenden homosexuellen Männermagneten“ Sergio als Dolmetscher bekommt. Der kommt erst zu spät, übersetzt dann nach eigenem Gusto („Also wegen dem Ukraine-Dings, das tut dem Prime-Minister und dem Präsident Putin echt unheimlich Leid alles, echt jetzt!“) und stellt sich am Ende als Lover Putins heraus. Es folgt eine nicht ganz jugendfreie Cover-Version von Survivors „Eye of the Tiger“ mit Putin in der russischen Taiga.

Auch den Zeitgeist in gentrifizierten Hipstervierteln nimmt die Karnevalssitzung auf die Schippe. Da treten zwei Mütter in den Wettstreit, wessen Kind die spektakulärste Modekrankheit hat („Sobald er Brot nur sieht, bekommt er Pusteln und Atemnot“) und diskutieren, ob die Schlammpartiklemikrobentherapie die überlegene Heilmethode ist.

An anderen Ende der Stadt, in der „Southside“, treffen bald darauf zwei Gangs aufeinander: Vegetarier und Metzger. Es entspinnt sich ein Konflikt – und eine unerlaubte Liebe zwischen Tobi und Sabrina („Du darfst mit so einem Tofubeschädigten nicht reden!“, mahnt Tobis Chef). Die Verliebten träumen von der Flucht – zu den Rinderherden Bad Münstereifels, bis zu den Tofufeldern Troisdorfs. Wen der Plot an ein berühmtes Musical erinnert, der liegt richtig – und auf die Melodie von Leonard Bernsteins Song „America“ singen die Immis schließlich „Jede Jeck is von woanders – das macht die Welt so besonders“.

Ein Wiedersehen gibt es mit „Lady Blabla“, einer Charity-Dame, deren Geltungsdrang genauso groß ist wie die Unfähigkeit, Wörter richtig auszusprechen. Wie immer sammelt sie Spenden für Menschen in Not und unterdrückte Minderheiten – diesmal für die ach so falsch verstandenen Funktionäre der FIFA („alles ehrenwerte Penner“).

Einen Ausblick auf 2017 bieten die Immis auch schon – wenn KTIP in Kraft tritt, „das Freihandelsabkommen zwischen Kölle und Amerika“. Die beiden Kommentatoren des Rosenmontagszugs müssen da manche Änderung verkraften: Der Zug heißt jetzt „RoseMondayTrain“, findet auf der A1 statt (weil die Wagen von voluminösen John-Deer-Mähdreschern gezogen werden) und statt Alaaf ruft man „Jeck we can!“. Statt Kamelle regnet es Marshmellows – abgeworfen von amerikanischen Rosinenbombern. Am Ende des Zugs kommt nicht der Prinz, sondern „a Karnevalist, formally known as Prince“.

In Kölns ewiger Baustelle, dem Opernhaus, sind unterdessen Berater zu dem Schluss gekommen, „dass die Musik die Oper unnötig verteuert, jedoch mit der konsequenten Kürzung derselbigen man ein Triple A erreicht.“ Da trifft es sich gut, dass bei den Bauarbeiten im Opernarchiv eine verschollene Stockhausen- Partitur gefunden wurde, die mit ganz wenigen Tönen auskommt. An deren Ende stellt sich heraus, wer Schuld ist am Operndesaster: Natürlich der Nubbel.

Karten für die Immisitzung 2015 gibt es auf www.immisitzung.de noch für ausgewählte Termine: 22.1., 25.1., 29.1., 5.2., 10.2., 15.2. (11 Uhr).
Jede Jeck is von woanders

Die Immisitzung steht für kabarettistischen Karneval mit rasanter Bühnenkomik, internationaler Musik und ausgelassener Feierlaune. Im vergangenen Jahr lockte die Veranstaltung rund 6000 Zuschauer in die Kölner Südstadt. Einzigartig ist das multikulturelle Ensemble mit Künstlern aus aller Welt. Das Motto wirbt für Toleranz: Jede Jeck is von woanders.

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